Eine Bewegung nach vorne

9 Dez

Im Blick zurück entstehen die Dinge / Im Blick nach vorn entsteht das Glück, singen Tocotronic, die mit Titeln wie „Kapitulation“, „Mein Ruin“ oder „Ich habe Stimmen gehört“ nicht unbedingt als feste Adresse für erbauliche Songtexte gelten.

Aber ein altbewährtes Mittel der Methodenlehre nach Pippi-Langstrumpf („Ich mach‘ mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt!“) ist das Aus-Dem-Kontext-Reißen, heutzutage unter Journalisten nicht weniger beliebt wie unter Politikern. In diesem Sinne also, wie schon Tocotronic immer betonten: „Im Blick nach vorn entsteht das Glück“. Hört Ihr das, Occupyer?

Anlässlich der jüngsten Diskussionen um den Verbleib und die Sinnhaftigkeit des Camps am Bundespressestrand kochten die Gemüter Einzelner in ungesundem Maße hoch und vorübergehend blitzte gar das Signum der Spaltung auf. Natürlich: Die BImA hat uns hingehalten, die GmbH des Bundespressestrandes inklusive ihrer PR Entourage hat ihr Vetrauen verspielt und der Zweck des Camps hat sich mit der Zeit verschoben. So what? Die globale Krise wird trotzdem immer schärfer, die soziale Ungleichheit wächst weiter, täglich rutschen Zehntausende mehr unter die Armutsgrenze, die Kinderarmut steigt, es sterben immer noch täglich Zigtausende Menschen an Hunger und verhinderbaren Krankheiten und Rassismus, Nationalismus sowie Antisemitismus sind wieder weltweit im Kommen – ganz davon abgesehen, dass der Welt ein neuer Krieg ins Haus steht. Es gibt also keinen Grund aufzugeben. Keinen einzigen.

Und zugleich sehe ich immer noch unglaublich viele fitte und engagierte Leute, denen es unter den Fingernägeln brennt, die nächste Aktion zu planen, den nächsten Text in die Diskursmaschine zu schleudern oder die ganze Angelegenheit strategisch auf die nächste Stufe zu heben, und so die bisherigen Störungen als Ansatzpunkte zu nutzen, um die ganze Sache großflächig ins Rollen zu bringen. Von daher: Wer will über “Spaltung” reden? – Klar, wir können über alles reden. Keine Zensur und so. Maximale Diskursoffenheit, immer. Aber ich geh’ dann mal weiter.

I LOVE the Scheideweg

Keine Frage, Occupy Berlin befindet sich am Scheideweg. Doch aus meiner Sicht ist das ein Grund zur Freude. Ein Scheideweg ist ja im Prinzip eine gute Sache. Es bedeutet, dass eine Entwicklung stattgefunden hat, Erfahrungen gemacht wurden und aus den neuen Erkenntnissen heraus klügere Entscheidungen getroffen werden können.

Auch wenn die medialen Damoklesschwerter bereits danieder regnen und die „Selbstzerstörung“ der Bewegung für um Präzision und Professionalität bemühte Schreiberlinge wie Stefan Strauss – der in einem investigativen Coup nach gut 2000 Jahren bemerkte, dass Kirche und Vermarktung kein Widerspruch sein muss und ansonsten „besonders spannend“ findet, wenn „Politik auf Wirklichkeit trifft“ – nur noch eine Zeitfrage zu sein scheint. Muss mensch sich mit jedem subjektiven Standpunkt auseinandersetzen, den die Medienmaschine mal eben für wenige Stunden an die Oberfläche spült?

Anders ausgedrückt: Ob nun zwei oder drei Einzelpersonen aus der Bewegung ihren Testosteronspiegel nicht im Griff haben und zwei oder drei Einzeljournalisten ihre Meinung dazu ablassen, ist mir eigentlich relativ gleich. Wir sollten uns darauf konzentrieren, welche großartigen Möglichkeiten wir haben, welche Aktionen bereits in Planung sind und welche Entwicklungen wir anstoßen können.

What’s next?

In diesem Sinne wären einzelne Projekte zu nennen, willkürlich herausgesucht:

- erste Kooperationen mit Streikbewegten haben bereits stattgefunden: Die Eisenbahner haben ihre Solidarität mit Occupy bekundet, mit den Streikenden der Charité gab es bereits gemeinsame Treffen und eine Aktion in der Deutschen Bank am Freitag, 09.12., bekundet die Solidarität mit den Postbank-Streikenden, die sich gegen mögliche Gehaltskürzungen, längere Arbeitszeiten und weniger Urlaubstage wehren.

- Vernetzungsbemühungen zu den unterschiedlichsten zivilgesellschaftlichen und politischen Gruppierungen und Organisationen Berlins laufen gerade auf Hochtouren.

- durch die erfolgreiche Infiltrierung des Kleinanleger-Kaffeekränzchens „Deutscher Börsentag“ durch die kapitalstarke „Deutsche Liga der Leitungsträger“ (DLL) sowie die tapferen Interventionen einzelner Leistungsträger in den letzten Hochburgen geldkapitalen Glücks (LaFayette, KaDeWe etc.) sind die „1-Prozent-Flashmobs“ mittlerweile berüchtigt und berlinweit gefürchtet…Expect us!

- das Camp mag in Gefahr sein, doch die ‚Öffnung‘ neuer öffentlicher Räume und Plätze in Berlin ist bereits in Planung.

- zwei Occupy-Großdemonstrationen am 15. Januar und am 15.März sind angekündigt. Die Vorbereitungen beginnen ab sofort.

- eine diskursives Netz mit immer mehr Knotenpunkten – neuen Blogs, Zeitungensprojekten (OccupyZeitung Berlin, OccupyMagazin), anderen Texterzeugnissen, Workshops, Seminaren und Vorträgen – formiert sich und interveniert immer selbstbewusster in die herrschenden Diskurse und Diskussionen der politischen Öffentlichkeit.

- eine “Occupy”-Erklärung gegen den Krieg wurde von einigen Aktivisten in einem kollektiven Arbeitsprozess publiziert und über soziale Netzwerke verbreitet

- die politische Arbeit einiger Aktivisten erreicht immer höhere Ebenen des politischen Establishments.

- Arbeitsgruppen zu außenpolitischen Inhalten werden sich bald gründen und Kontakte zu ausländischen Botschaften suchen.

- u.v.m.

facit: Die Occupy-Maschine läuft unaufhaltsam weiter. Ihre Einsatzgebiete weiten sich aus, ihr Rumpf vervielfältigt sich. Das Rhizom wächst.

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7 Antworten to “Eine Bewegung nach vorne”

  1. Solveigh Calderin Dezember 9, 2011 at 2:38 nachmittags #

    Ja, es ist wichtig vorwärts und nur vorwärts zu schauen. Fehler, Disskussion, selbst Streit sind wichtige Schritte zu weiteren Entwicklungen und Einsichten. Lasst Euch bloß nicht von den Medien beirren. Die wollen Euch so schnell wie möglich erledigt sehen. Zeigt denen, dass occupy nicht zu erledigen ist!

    Lasst occupy sich zur lebendigen, sich ständig wandelnden und verändernden Bewegung wachsen, die zur Kraft findet, alle Menschen zu vereinen und eine gerechtere Erde zu schaffen.

    Viel Erfolg!

  2. Rüdiger Dezember 9, 2011 at 3:45 nachmittags #

    danke für den gelungenen Artikel, kann ich nur unterschreiben.

  3. anja Dezember 9, 2011 at 8:52 nachmittags #

    so sieht es aus. es geht vermutlich lediglich einen schritt weiter. die bewegung breitet sich aus. und verbündet sich mit anderen. nur vllt. anders, als wir uns das vorher theoretisch überlegt hatten. die verbündung passiert über die arbeitskämpfe. und so ist es ja auch richtig. eigentlich.

    seit gestern auch verbündet mit dem arbeitskreis kritischer sozialarbeit, das sich in berlin beginnt zu formieren. gestern war vernetzungstreffen. werde da weiter dran bleiben. auch sie verstehen sich nun als teil einer bewegung… :-)

  4. Petra Dezember 10, 2011 at 11:23 vormittags #

    Hier in Düsseldorf erleben wir aktuell auch die Spaltung zwischen den vielen engagierten Occupy Aktivisten und den Campern. Zuviel Energie aber auch Spendengelder und -mittel gehen für den Betrieb und den Ausbau des Camps drauf. Während für Aktionen, Flyer usw. kein Geld übrig bleibt. Die Unterstützung der Aktivisten wird zwar angefordert und angenommen, trotzdem wird den Aktivisten und Unterstützern jegliches Mitspracherecht im Camp von einigen Campern abgesprochen. Stattdessen werden “Mauern” zwischen beiden Parts hochgezogen. Wenn es aber um Aktionen oder inhaltliche und strukturelle Arbeit der Düsseldorfer Occupy Bewegung geht, dann sind nur wenige Camper aktiv. Stattdessen ist von Camperseite immer wieder zu hören, dass sie keine gesellschaftspolitischen Forderungen stellen möchten. Wozu ist das Camp dann da?

    Die neueste Idee unserer Camper ist die Gründung eines Vereins um die hohen Ansprüche der Wohlfühl-Camper (z. B. jedes Zelt einen eigenen Stromanschluß) durch noch mehr Spendengelder finanzieren zu können. “Willkommen im bestehendem System, jetzt fehlt nur noch der Gartenzwerg vor dem Zelt” Ironie off.

    Nur Campen als politische Botschaft reicht nicht aus, es müssen auch Inhalte, Strategien und Aktionen her. Campen – dann aber bitte auch mit politischem Anspruch – ist nur ein Mittel der Bewegung und nicht die Bewegung selbst. Und deshalb formiert sich hier die Occuppy Bewegung neu und die guten engagierten Leute, die in den letzten Monaten genervt gegangen sind, werden hoffentlich zurück kommen.

  5. Sybillie Jean Dezember 14, 2011 at 2:30 nachmittags #

    Ganz großes Kino!

  6. Sybillie Jean Dezember 14, 2011 at 2:31 nachmittags #

    Ich bin Occupy Aktivistin und ich fordere: Ego auf Mittelstufe, Herz auf volle Pulle!

Trackbacks/Pingbacks

  1. Occupy the Spanish Revolution! – Blick zurück nach vorn | alex11 – aCAMPada Berlin – Occupy Berlin - Dezember 9, 2011

    [...] nennt, wie sie genannt, geschimpft oder sonst wie betitelt wird. Die Idee ist nun in der Welt und dynamisiert sich täglich mehr, ganz egal wie viele Leute scheinbar Steine in Wege schmeißen, absichtlich oder [...]

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