Inhalte sind go!

11 Nov

 Inhalte überwinden! Und alle so: yeah!..und ich eher so: ja, nee, vielleicht doch ganz gut so.

Es gibt Fragen, die Aktivisten aus dem Occupy-Umfeld derzeit so gar nicht leiden können. Beispielsweise wenn besonders gewiefte Journalisten, die unangekündigt auf dem neu eroberten Camp-Gelände am Bundespressestrand auftauchen, sich anmaßen, nachzufragen, was Occupy denn eigentlich sei? Oder wer das sei, und vor allem: welche Interessen und Inhalte dahinter stünden?

Als Aktivist fühlt mensch sich sofort unverstanden, reduziert auf Banalitäten oder gar der Gefahr ausgesetzt, die zwanglose Kommunikationsfläche der Asamblea verlassen zu müssen, um sich bezahlten Fragestellern zu widmen, welche die Vielfalt an möglichen Antworten bereits durch ihre immer gleichen Frageschablonen einengen.

So hat sich bei vielen Aktivisten mittlerweile der Gestus eingeschlichen, jede Frage, die auch nur im Verdacht steht, der/m Befragten Inhalte oder gar politische Statements zu entlocken, mit dem Hinweis auf die knapp drei Dutzend Arbeitsgruppen zu begegnen, die sich mittlerweile zu verschiedenen Themen gebildet haben und die Inhalte in naher oder ferner Zukunft ausarbeiten werden. Ob nun Reuters, das ZDF, die taz oder wer auch immer: Die Medien – und noch viel wichtiger: das Millionenpublikum und die Millionenleserschaft, die sich dahinter befinden – werden alle nur  häppchenweise mit Informationen darüber gefüttert, warum die Occupy-Aktivisten überhaupt besetzen, diskutieren, arbeiten und sich seit fast 4 Wochen den Arsch abfrieren.

Offenkundig die Kritik schon im Anschlag, halte ich mich selbst – paradoxerweise – eher bedeckt, wenn sich mir die Gelegenheit bietet, Inhalte oder politischen Ansichten über die Feder eines Journalisten „nach draußen“ zu transportieren. Priorität haben für mich die Asamblea und der offene kommunikative Raum, den sie erzeugt,  die Kultur des Zuhörens und der Empathie mit anderen Meinungen, das Konsensprinzip sowie die völlig neue Form politischer Willensbildung, die es ermöglicht.

Changing times, changing minds

In den letzten Tagen jedoch meldet sich verstärkt mein strategisches Gewissen zu Wort. Es ärgert mich mit Zweifeln, mahnt zur Ungeduld und drängt auf eine Entscheidung. Und ohne große Umschweife lässt es mich sagen:

Let’s face it: Zu viele Menschen aus dem 99-Prozent-Milieu wollen nichts wissen von Asamblea und dezentraler Organisation. Andere Bildungs- und soziale Hintergründe und allein schon die Tatsache, dass viele Leute die Erfahrung einfach nicht machen können (weil sie nicht vor Ort sein können) sollten zu denken geben. Das Occupy-Umfeld ist angereichert mit so vielen smarten Köpfen und engagierten Leuten; das Knowhow und die Erfahrungen, die hier geballt aufeinander treffen sind einzigartig; die Möglichkeiten, aus diesem dichten Feld an Wissen und Energie die Bewegung größer zu machen, sind zahlreich. Aber mensch muss sie nutzen!

(Rhetorische) Frage: Warum ist der folgende Dialog nicht nur sarkastisch, sondern zudem gar nicht so unrealistisch?

Journalist: Was sind Ihre Forderungen?

Aktivist: Von Forderungen sind wir noch weit entfernt. Die Asamblea steht derzeit im Vordergrund.

Journalist: Die aktuellen Probleme der Gesellschaft?

Aktivist: Werden noch in Arbeitsgruppen ausgearbeitet.

Journalist: Wie lange wird es dauern, bis die Arbeitsgruppen Ergebnisse vorzeigen können?

Aktivist: Ist schwer zu sagen, wir wollen uns die Zeit nehmen. Geduld ist eines unserer Prinzipien.

Journalist: Haben Sie überhaupt eine eigene Meinung?

Aktivist: Das weiß ich noch nicht. Dazu habe ich gerade eine Arbeitsgruppe gegründet.

Journalist: Ich hau‘ jetzt ab, wo ist der Ausgang?

Aktivist: Die Arbeitsgruppe Ausgang trifft sich wahrscheinlich erst morgen. Bitte warten Sie die Ergebnisse ab.

Zu sarkastisch? Vielleicht.

Dennoch: Zu viele Menschen in diesem Land können mit Asamblea, Geduld, AGs und Konsens nur wenig anfangen (zumindest derzeit). Das Ziel jedoch sollte sein, auch diese Leute zu erreichen und sich nicht selbstverliebt um die eigene kleine Gruppe zu sorgen. Und das funktioniert eben nur, wenn man sich inhaltlich positioniert, mit Kritik, Empörung, der Benennung von Missständen und Problemen, und anstatt mit philosophischen Ausführungen über die kommunikative Revolution zu kommen, einfach mal zu sagen: „Ich könnte kotzen angesichts der Tatsache, dass die 1000 reichsten Menschen dieser Erde mehr besitzen als die ärmsten 3,5 Milliarden.“ Hier entstehen keine neuen Repräsentationsstrukturen durch ein starres Programm von Forderungen. Stattdessen bleibt mensch temporär, ungreifbar, rotierend und im Netz der Vielfältigkeit – und trotzdem wird eine Aussage getroffen, die nicht die Sprache des internen Zirkels spricht. Wir brauchen Dynamik, keine Frage, wir brauchen sie aber auch inhaltlich!

In diesem Sinne, ein paar weitere Zahlen zur allgemeinen Ermunterung:

Der Handel mit ‚innovativen‘ Derivaten – diesem Geniestreich aus den 90er-Jahren, der  von bahnbrechendem Erfindergeist und ethischem Weitblick geprägt war – umfasst jährlich rund 600 Billionen Dollar. Zum Vergleich: Die Wirtschaftsleistung aller ErdenbürgerInnen beläuft sich jährlich auf rund 60 Billionen Dollar. Das heißt konkret: pro Dollar, der pro Jahr erwirtschaftet wird, laufen 10 Dollar Finanzwetten um den Globus.

Im internationalen Devisenmarkt – dem größte Finanzmarkt der Welt – beträgt der jährliche Umsatz rund 1,5 Billiarden (!) US-Dollar. Der kleinste Teil davon geht auf den realen Devisenbedarf von Unternehmen oder Privatpersonen zurück, 95 bis 99 Prozent sind – Schätzungen zufolge – reine Wetten auf kurzfristige Kursentwicklungen. Fast der gesamte Handel findet außerhalb der Börse und zwischen den Banken statt. Eine Aufsicht gibt es nicht.

Ein Hedgefonds schaffte es im letzten Jahr, den Weltmarktpreis für Kakao auf sein 32-Jahres-Hoch zu treiben, in dem er einfach mal 7 Prozent der künftigen Kakaoernte aufkaufte – ohne natürlich auch nur ansatzweise am tatsächlichen Ankauf des Produkts interessiert zu sein. Bevor es zu einer Lieferung überhaupt kommen konnte, wurden die Verträge wieder abgestoßen, die Gewinne aus der Kursentwicklung abgeschöpft und sowohl Produzenten als auch die realen Einkäufer mit den Scherben der geplatzten Blase zurückgelassen.

to be continued..

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Eine Antwort to “Inhalte sind go!”

  1. Maja Binder November 13, 2011 um 9:31 pm #

    Sehr pointierter Beitrag!

    Praktisches Problem: wir oder zumindest ich habe Null Idee, wie wir solche monströsen Finanztransaktionen in _handlichen Häppchen_ stören und über kurz oder lang zerstören könnten.

    Denn z.B. bei U-Bahn-Aktionen den Leuts abends in der U-Bahn nur die unglaubliche Unverschämtheit z.B.über das gigantische ‚Einkommen‘ eines Herr Ackermann ins Gesicht zu pusten angesichts der eigenen ‚Schuldenspiralen‘, ohne den Mitreisenden direkt umsetzbare Lösungshäppchen auf den Weg mitgeben zu können, frustet alle Seiten doch nur noch mehr. Mensch neigt dann dazu ,sich die Ohren zuzuhalten bei diesem Overkill mit schlechten Nachrichten, gegen die eh kein Kraut gewachsen erscheint
    Außer eben vielleicht den Bankern, die da aus ihren gut gesicherten Tresoren abends in ihren chicen Autos nach Hause fahren.. tja was denn nu?
    Attac wiederum appeliert per Aklamation an die Politik und symbolischen Aktionen an den guten alten Staat… Doch dessen „Diener“ sind aber ihrerseits selber doch mehrheitlich vor allen an guten Kursentwicklungen der eigenen Aktien interessiert bzw. der Staat steht seinerseits bei diesen Finanzhaien auf Gedeih und Verdreb in der Kreide. Also werden die ‚Staatsdiener‘ ‚ihren Banken‘ voraussichtlich nur zögerlich, wenn überhaupt in nützlicher Frist scharfe Zügel anlegen….

    Ich bin da zur Zeit wirklich ziemlich ratlos, wie von unten in diesem Sektor ganz handgreiflich praktisch und auch für viele weitere Menschen überzeugend wir aktiv werden könnten…

    Denn auf den praktischen flüssigen Mammon sind wir ja zur zeit alle noch angewiesen. Und er hat ja auch wirklich Vorteile. Z.B. dass wir dank diesem Zaster auf der Reichstagswiese keine Subsistenzwirtschaft betreiben _müssen_, sprich nicht wie in den Kriegs- und Nachkriegsjahren dort Gemüse anbauen _müssen_…

    Spontane Idee: …aber vielleicht könnten wir das ja ab nächstem Frühjahr dann dort durchaus schon mal als Vorsorge-Aktion von Occupy einfach mal ins Auge fassen: die Gemüsebesetzung der Reichtstagswiese …Ui-uiiii-ui! :-))

    ***
    Na, als allererstes, scheint mir, braucht m.E. OccupyBerlin nun aber eine warme Halle (Kirche, Bahhof, Uni- oder Schul-Aula, Tunnel, … ) , wo die zentrale Asamblea ein bis zweimal pro Woche im Warmen stattfinden kann – nebest Vokü-Möglichkeit. Ansonsten müssen ältere Ladies wie ich und viele andere so oder so bleiben, wo sie sind: bequem vor dem Labtop im Warmen.;.-)

    Liebe Grüße,Maja

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