Lasst Euch nicht vereinnahmen!

17 Nov

Das Occupy-Gespenst geht um in der Welt – und es scheint alles zu besetzen und durchdringen: Köpfe, öffentliche Plätze, selbst die plappernden Zungen der Journalistenzunft. Die Mächte der alten Welt – statt das Gespenst zu verteufeln – umgarnen es, verbünden sich, ja flirten mit ihm. Ein Gespenst, das gar kein Gespenst ist?  Ob die werte Bundeskanzlerin, „Mister Dax„, der Deutsche Sparkassen- und Giroverband oder Pop-Sternchen Yvonne Catterfeld: Jede/r mag es, und „versteht“ es, versteht sogar, warum es nächtelang durch die Kälte geistert, oder finde es ganz einfach deswegen dufte, weil alle das gerade irgendwie tun. Mensch könnte meinen, dass mittlerweile ganz Deutschland zu einer einzigen Occupy-Fangemeinde herangewachsen ist – mit einem kleinen, aber nicht unwesentlichen Unterschied: dass die Fans sich am allerliebsten noch zuhause treffen anstatt sich im Fanclub beziehungsweise Fancamp zu zeigen. Bei so viel Zuspruch aus allen Teilen und Winkelzügen der Gesellschaft kann man sich getrost die Frage stellen lassen: Angst vor Vereinnahmung?

Nein, keine Angst. Angst ist gerade das, was wir abbauen wollen – in unseren Kommunikationen, in unseren Zielen, in unserer Arbeit. Doch wir kennen und studieren fleißig die Mechanismen, die noch jede soziale Bewegung zum Erliegen gebracht haben und die auch uns zum permanenten Wachsein zwingen werden. Diese Mechanismen sind perfide und kraftvoll; sie wirken leise, fast unbemerkt, und haben sie sich einmal festgesetzt, können sie der Bewegung das Rückgrat brechen; mit einem Schlag, irreversibel. Ob die Grünen in den 80ern, die bayrischen Anarchisten um 1918 oder die „Tea Party“-Bewegung gegenwärtig in den USA: Sobald sie die Sprache und Spielregeln der etablierten Institutionen adaptierten, war ihre Dynamik gebrochen – broken beyond repair.

Form vor Inhalt

Dynamik und Form – beides ist entscheidend. Herrschender Konsens ist es, dass die Dynamik einer neuen, wild flackernden sozialen Interaktionswolke („Bewegung“) nach ihrem Anfangsstadium – in welchem sie kaum greifbar, chaotisch, diffus, aber unendlich kraftvoll ist – in einem quasi-natürlichen Prozess langsam, aber sicher verblasst. Etablierte Strukturen brechen herein, neu eingespielte Mechanismen verkrusten, mensch wird unbeweglich, mensch wird: Organisation (Partei, Firma, NGO).

Dem kraftvollen Chaos des Anfangs steht das angeblich unweigerliche Schicksal der Anpassung an etablierte Spielregeln entgegen. So das herkömmliche Argument, das man paternalistisch jeder neuen Bewegung um die Ohren haut: „Na klar, tobt Euch aus, genießt die chaotische Zeit; spätestens in ein paar Jahren, wenn Ihr bereit seid, Euch anzupassen, werden wir oder andere Euch absorbieren (natürlich unter der Bedingung, dass es sich dann noch lohnt).“ Jüngstes Beispiel dafür: die Arroganz (lies: Angst) der Grünen-Spitze gegenüber der Piratenpartei.

Was aber, wenn eine Bewegung sich nicht an die Spielregeln des Bestehenden anpassen wird? Was, wenn die Bewegung eine Form entwickelt hat, die es möglich macht, diese Dynamik immer wieder neu zu entfachen und sie nie zum Erliegen kommen lässt? Wenn durch eine Kombination aus dezentraler Organisation, hierarchiefreier Kommunikation und horizontalen Strukturen ein sozialer Raum erzeugt wird, welcher der Vereinnahmung standhält und stattdessen als Raum expandiert? Bekommen dann die Vereinnahmer der etablierten Organisationen Angst? Vielleicht sollten sie (natürlich nicht als Menschen, sondern als Organisationsmitglieder).

Vereinnahmung: Gefahr, Versuchung, Sargnagel

Der Druck auf die Bewegung ist enorm und wird von den verschiedensten Akteuren aufgebaut: von Medien, der Polizei, den etablierten Parteien oder von verschiedensten zivilgesellschaftlichen Organisationen von Gewerkschaften bis NGOs, die uns Unterstützung anbieten oder sich unsere Kooperation wünschen. Uns allen sollte klar sein: Die Spielregeln, unsere Umgangsformen, Kommunikationstechniken und Prinzipien, sind eine neue Form, die einen neuen sozialen Raum abstecken. Es sind die Spielregeln und die dadurch entstehenden Räume, die wir dann zu verteidigen haben, wenn herkömmliche Organisationen und Sprachen mit uns kommunizieren wollen. Jeder Mic-Check eines Politikers oder Journalisten, der die Asamblea besucht und jeder kreative Umgang mit äußerem Druck – beispielsweise, wenn die Polizei mal wieder eine/n Versammlungsleiter/in fordert und wir antworten: Weder sind wir eine Versammlung noch haben wir LeiterInnen – sind ein Erfolg. Wenn wir es schaffen, unsere Spielregeln und Techniken noch weiter zu verfeinern, stellen Vereinnahmungsversuche keine Gefahr mehr dar, sondern sind willkommene Experimentierfelder, die umcodiert und spielerisch gewendet können.

Lesetipp:

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2 Antworten to “Lasst Euch nicht vereinnahmen!”

  1. videoatonale November 18, 2011 um 12:28 am #

    du schreibst: ‚Dem kraftvollen Chaos des Anfangs steht das angeblich unweigerliche Schicksal der Anpassung an etablierte Spielregeln entgegen.‘

    ja, dass hätten ‚die‘ gerne. allerdings möchte ich anmerken, dass eine vereinahmung der bewegung durch die etablierten medien im vollen gange ist.

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