Der kommende Aufstand

26 Nov

Es war Lenin, der über deutsche Revolutionäre spottete, sie würden, wenn sie einen Bahnhof stürmen wollten, zuvor noch Bahnsteigkarten kaufen (und die Quittung auf Öko-Papier anständig im Mülleimer entsorgen, könnte man heute hinzufügen).

Die Berliner Revolutionäre und Okkupisten dieser Tage erzählen sich heute gerne dies Sprüchlein, um sich entweder gegenseitig auf ihre Borniertheit aufmerksam zu machen oder um sich leicht fatalistisch die Rollen der Metapher selbst anzueignen. „Ja, so isses!“ entlockt es einem intuitiv – und doch scheint nicht klar, was daraus folgt, für das eigene Selbst oder für die Interaktion mit der sozialen Umwelt. Meistens bleibt es bei einem müden Lächeln. Der schonungslose Spott, den Lenin in die Semantik schmierte, reicht offenbar nicht aus, der (zumindest ein Stück weit) peinlich berührten Erkenntnis eine veränderte Praxis folgen zu lassen: D.h. nicht nur „Ja! So isses!“, sondern auch: „Scheiße nochmal, dann müssen wir’s anders machen!“

Stattdessen: Gehorsam. Manchmal sogar vorauseilender:

Eine Asamblea auf dem Platz der Republik? Lieber anmelden!

Eine Handvoll Zelte auf dem Platz des 18.März verteidigen? Lieber die Zelte der Polizei überreichen, damit wir bleiben dürfen!

Unser Camp am Bundespressestrand halten und verteidigen? Lieber ein anderes Plätzchen suchen – der Staat will ja auch keine Esakalation! Hat er selbst gesagt!

New York, Oakland, Portland, Zürich, Davis usw. – Die Staatsgewalt macht ihrem Namen alle Ehre: Weltweit werden Camps und Sit-ins von den Behörden weggeprügelt. Die riot police sorgt dafür: Schläger in Uniform, ausgerüstet mit Gummigeschossen, Tränengas, Pfefferspray, Lärmkanonen, Schlagstöcken und einem Gewissen, das an der Garderobe abgegeben wurde. Und trotzdem bleiben die Demonstranten stehen und sitzen, auf das Unvermeidliche wartend, mutig, trotzig.

Und was macht Berlin? Bahnsteigkarten kaufen.

Ein Leben voller Bahnsteigkarten

Warum ist eine der meist gestellten Fragen der PressevertreterInnen, warum und wie lange wir noch in der Kälte ausharren? Antwort: Weil unsere Hartnäckigkeit unser Kapital ist; unser Rückgrat beweist; und zeigt, wie ernst wir es meinen. Weil wir (und damit meine ich nur den Teil, der sich angesprochen fühlt) zum ersten Mal etwas Richtiges tun, was zugleich auch weh tut. Zuhause in der warmen Stube rumheulen, dass „das“ System so böse ist, und „wir“ so ohnmächtig sind, kann jede/r. Deswegen interessiert es auch niemanden. Die Leute beginnen uns abzunehmen, dass wir es ernst meinen, gerade weil es unbequem ist. Es ist scheißkalt, und wir sind trotzdem draußen. Polizei und Politiker wollen uns vertreiben und trotzdem bleiben wir hier. Dieses ‚trotzdem‘ ist so eine verdammt wichtige Geste. Für uns selbst. Für Andere.

Jahrelang habe ich lieber meine tollen poststrukturalistischen Bücher gewälzt und in wohl temperierten Schreibstuben über die postmoderne (Un-)Möglichkeit, revolutionär zu sein, gebrütet. Klar war: Kritik muss subtil sein, in ihrer Reichweite und Halbwertszeit begrenzt und als Produkt der eigenen idiosynkratischen Beschränktheit ausgewiesen werden. Stets die Top 10 des Manuals im postmodernen Dschungel einhalten. Nie die ausgetretenen Pfade verlassen. Alles viel zu kompliziert da draußen, außerhalb des Elfenbeinturms, in der Sphäre des politischen Handeln. „Politische Praxis“ – was soll das sein? Auf jeden Fall etwas Anrüchiges. Oder zu Kantianisch. Oder beides. Lieber sich darüber Gedanken machen, was Andere gerade falsch machen, wie sie gesellschaftliche Herrschaftsmechanismen in ihren Praktiken reproduzieren, wie sie aus ihren Diskursen ja auch gar nicht raus können usw….Mensch, hätten sie doch ihren Foucault mal genauer gelesen.

Alles, was ich bisher getan habe, war ein „Ja“ zu allem. Ich schreibe einen kritischen Text für ein großes deutschen Kulturinstitut; Thema: die diskursive Vereinnahmung des Arabischen Frühlings durch die Flaggschiffe der deutschen Politik- und Medienlandschaft; Zimmertemperatur auf 22 Grad, eine Tajine im Magen und einen doppelten Espresso für die Schaltfrequenz im Hirn. Eine wissenschaftliche Arbeit über die ökonomische Ausbeutung Osteuropas durch UN- und IWF-initiierte Privatisierungsprogramme?  Ein Gespräch über The Communist Hypothesis bei einem Gläschen Rotwein in St. Germain; auf ein Bier nach Williamsburg, nur um Derrida gegen Marx auszuspielen? Die Überzeugung, die eigene „Subtilität“ sei irgendwie subversiv, witzig oder in irgendeiner Form eine Störung? Bullshit! Nichts davon ist und war jemals subversiv. Scheiß auf die Gespräche, auch wenn sie wichtig sind. Scheiß darauf, wenn sie nur Gespräche bleiben. Nichts davon hat jemals eine Störung in einem der angeschlossenen gesellschaftlichen Systemen erzeugt. Diese kuschelige (und privilegierte) Position, von der aus die Kritik formuliert wird, ist nichts weiter als postmaterialistische Masturbation auf die eigenen Träume.

Dance on the streets!

Freedom of speech? Freedom of Assembly? Western Democracy? Go out, dance on the streets, demand your rights -> you will never find its limits while staying at home, having intellectual sex with your democracy books! Warum sind wir am 15.Oktober nicht vom Platz der Republik gewichen, als die dritte Aufforderung über den Lautsprecher verhallte und die bald eintretende Gewalt ankündigte? Warum haben wir am 12.November auf dem Platz des 18.März unsere Zelte nicht der Polizei übergeben und sie gegen die Zusicherung, bleiben zu dürfen, eingetauscht? Diese Fetzen Stoff, die sowieso niemand benutzte, einzutauschen gegen Demütigungen, Schläge und Verhaftungen – warum nicht? Weil genau das die Momente sind, wo sich ein revolutionäres Bewusstsein bildet. Was immer das heißen mag, „revolutionäres Bewusstsein“. Für mich heißt es: anzufangen, mit dem Ja-Sagen, dem Kuschen und dem falschen Gehorsam aufzuhören. Das ist keine universelle Forderung, zu allen Zeiten und allerortens, sondern zu diesem Zeitpunkt eben das, was notwendig ist. Wenn wir jetzt Ja sagen, das heißt Ja zum Aufgeben des Camps, ohne es zumindest versucht zu haben, ohne es verteidigt zu haben…können wir gleich zuhause bleiben.

Was glaubt Ihr, was den politischen und polizeilichen Autoritäten mehr Respekt eingeflößt hat? Die Tatsache, dass wir trotz der drohenden Gewalt nicht aufgestanden sind? Die Tatsache, dass wir trotz Scheißkälte und Überarbeitung immer wieder auf die Straße gehen? Die Tatsache, dass wir unser Camp nicht freiwillig aufgeben werden? Oder die Tatsache, dass wir immer so nett zu den Polizisten sind, versuchen ihnen unsere Motivation zu erklären und uns sogar ab und an bei ihnen bedanken, dass wir auf einem öffentlichen Platz demonstrieren „dürfen“?

Der Stichtag rückt näher. Nächsten Mittwoch ist der 30.11., nur zwei Wochen später der 15.12. Dann ist Ende der Fahnenstange. Die Frage drängt sich auf, ob wir eine Bahnsteigkarte kaufen oder darauf verzichten.

Die Bahnsteigkarte wird vieles einfacher machen. Sie wird das Unvermeidliche womöglich nur beschleunigen. Auf der anderen Seite des Schachbrettes sehnt man sich – wie in allen Fällen staatlicher Zwangsmaßnahmen – nach einem reibungslosen Ablauf ohne Komplikationen.

Ich bin gegen reibungslos.

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10 Antworten to “Der kommende Aufstand”

  1. thebabyshambler November 27, 2011 um 3:56 pm #

    vielen dank für diesen text…kleine korrektur: als nächster großer stichtag baut sich gerade der 15.1. auf…nicht der 15.12 😉

    • anewsolarplexus November 28, 2011 um 1:44 pm #

      Dann haben wir schon drei Stichtage. Und: Heute abend 19 Uhr, Sonder-Asamblea, könnte herauskommen, dass evtl. schon morgen der Stichtag ist. Oder eben Stichtag Nr.4:)

  2. gato November 27, 2011 um 4:44 pm #

    „Scheiß auf die Gespräche, auch wenn sie wichtig sind. “

    nein, sie sind wichtig 😉

  3. senderfn November 28, 2011 um 2:11 am #

    großartiger Text! Danke.

  4. unnaaf November 28, 2011 um 7:22 am #

    Man, Du hast Feuer – geil.

  5. Goldständer November 28, 2011 um 9:08 am #

    Tolle Seite, weiter so! Meinen persönlichen Glückwunsch. An dieser Stelle möchte ich meinen Wunsch zum Frieden und zur Wahrheit äußern und all mein Wissen als Beitrag zur Verfügung zu stellen, damit alle Suchenden evtl. etwas brauchbares für sich finden können. Mit bestem Gruss vom Goldständer – http://www.goldstaender.com

  6. Kurt Erich Mest November 28, 2011 um 11:28 am #

    Aus Sebastian Haffners „Verratener Revolution“.
    „Wenn immer wieder gesagt worden ist, daß die Deutschen zur Revolution unfähig seien – man kennt Lenins spöttisches Wort, daß deutsche Revolutionäre keinen Bahnhof besetzen könnten, wenn der Schalter nicht offen sei, um Bahnsteigkarten zu lösen –, diese Novemberwoche, immerhin, [4.–10. November 1918] läßt sich zur Widerlegung anführen. Die deutschen Massen besetzten in dieser Woche viele Bahnhöfe und noch ganz andere Gebäude. In einer Stadt nach der anderen setzten sie zu Tausenden nicht nur ihr Leben ein, sondern wagten den Absprung ins Unbekannte, Unerprobte, Unübersehbare, der noch mehr Mut erfordert als der bloße Einsatz des Lebens – nämlich revolutionären, nicht bloß soldatischen Mut.“

  7. David November 28, 2011 um 2:26 pm #

    Sehr nice !

  8. janisji Dezember 14, 2011 um 4:31 am #

    Reblogged this on Everything That You See Becomes Yours.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Der kommende Aufstand « anewsolarplexus - Januar 12, 2012

    […] (update des Eintrags vom 26. November) […]

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